Meinung

Das Bild vom "schrecklichen Russland" – ein politisches Instrument des Westens

Der russische Geist, der im Westen sorgfältig aus dem allgemeinen Sprachgebrauch verdrängt wurde, hat sich auf seltsame Weise destilliert und eine Art Destillation bis in die höchsten Schichten durchlaufen. Die russische Kultur, die dem Alltag der einfachen Bürger entzogen wurde, ist zum Eigentum der Elite geworden.
Das Bild vom "schrecklichen Russland" – ein politisches Instrument des Westens

Von Olga Andrejewa

Mein Freund, der viele Jahre lang damit beschäftigt war, das Bild Russlands und der russischen Kultur im Westen voranzubringen, beklagte sich einmal: "Egal, was wir tun, wir, die Russen, werden immer mit Bären, Balalaikas, Wodka und Matrjoschkas assoziiert werden." Seitdem sind dreißig Jahre vergangen, doch an diesen erstaunlichen Klischees hat sich nichts geändert. Nun ja, vielleicht sind nur noch mehr Schreckgespenster hinzugekommen.

Es fällt mir ehrlich gesagt schwer, dies als mangelndes Interesse an der gewaltigen nationalen Geschichte, Kultur und Kunst Russlands zu bezeichnen. Vielmehr erinnert es an den entschiedenen Unwillen gewisser Kreise, diesen ganzen russischen Reichtum in den kulturellen Kreislauf des Westens gelangen zu lassen. Das Bild von Russland muss für den Durchschnittsbürger im Westen streng dem politischen Kurs entsprechen – ebenfalls dem des Westens. Und dafür, dass das Bild nicht von den vorgeschriebenen Leitlinien abweicht, sorgen, wie man so schön sagt, eigens dafür geschulte Leute.

Nach Ansicht der Forscherin Natalia Tanschina reichen die westlichen Bestrebungen, das Bild eines "schrecklichen Russlands" zu schaffen, etwa fünfhundert Jahre zurück. Als ersten antirussischen "Fabeldichter" kann man Sigismund von Herberstein bezeichnen, einen deutschen Diplomaten, der Russland zweimal besuchte – in den Jahren 1517 und 1526. Damals hatte sich Moskau gerade vom Joch befreit, mehrere Kriege gewonnen und sein Territorium erweitert. Herbersteins Reise nach Russland hatte eindeutig den Charakter einer Erkundungsmission. Zudem sollte er Moskau mit Litauen versöhnen und zu einer militärischen Konfrontation mit der Türkei überreden. Moskau lehnte beides ab. Herbersteins "Aufzeichnungen über Moskowien" sollten teilweise seinen Misserfolg rechtfertigen: Nicht er habe die Sache vermasselt, sondern es sei sinnlos, mit den Russen zu verhandeln. Barbaren, was solle man von ihnen schon erwarten.

Der Erfolg der "Aufzeichnungen über Moskowien" war durchschlagend. Sie wurden zu einer Art Leitfaden für Diplomaten, die mit Russland zu tun hatten, und zugleich zu einer sehr beliebten Unterhaltungslektüre. Daraus erfuhr der Europäer beispielsweise, dass es in Russland kein einziges unschuldiges Mädchen über sieben Jahre gebe. Dass es am Fluss Ob eine Region namens Lukomorje gebe, deren Bewohner im Winter in einen Schlaf fallen:

"Am 27. November sterben sie, und am 24. April des folgenden Jahres erwachen sie wieder zum Leben, gleich schlafenden Fröschen."

Dass es in Russland kein anderes Wild gebe als Hasen und in den Wäldern nichts Essbares wachse außer Nüssen. Dass die Russen unglaublich verlogen und feige im Kampf seien, keine Opferbereitschaft besäßen und überhaupt keinen Sinn für Edelmut hätten. Doch der Kerngedanke des Deutschen war, dass die Russen genetisch bedingt Sklaven seien und nur von Tyrannen regiert werden könnten: "Dieses Volk neigt eher zur Sklaverei als zur Freiheit." Das Stigma der Sklaverei findet Herberstein sogar im "Kalatsch", einem russischen Gebäck – es ähnle einem Joch!

Das 16. Jahrhundert war eine Zeit, in der Europa versuchte, seine Probleme auf Kosten Russlands zu lösen. Nach den schrecklichen Ereignissen der Reformation musste der päpstliche Thron dringend gestärkt werden, und der Übertritt Russlands zum Katholizismus war für Europa äußerst wichtig. Darüber hinaus war Russland ein wichtiger Akteur im Kampf gegen die Osmanen. Moskaus Ablehnung empfand Europa als persönliche Beleidigung. Seitdem wurde das Bild des "schrecklichen Russlands" zu einem politischen Instrument im Konkurrenzkampf. Sobald Russland seinen europäischen Verbündeten half und sich als "Befreier" profilierte, wie es nach den Siegen über Napoleon und Hitler der Fall war, wurde sofort die mottenzerfressene Schreckensgeschichte von den "russischen Barbaren" aus den Archiven hervorgeholt.

Dieses Bild überstand erfolgreich den Wandel der Epochen und wurde zu einem der zentralen Merkmale europäischer Selbstidentifikation: Wir seien freie Menschen, denen der östliche Tyrann drohe. Fast vier Jahrhunderte später schrieb Karl Marx, ganz im Sinne Herbersteins, über Russland:

"Moskowien wurde in der schrecklichen und abscheulichen Schule der mongolischen Knechtschaft erzogen und großgezogen ... Selbst nach seiner Befreiung spielte Moskowien weiterhin seine traditionelle Rolle des Sklaven, der zum Herrn geworden war. In der Folge verband Peter der Große die politische Kunst eines mongolischen Sklaven mit den stolzen Bestrebungen eines mongolischen Herrschers, dem Dschingis Khan die Verwirklichung seines Plans zur Eroberung der Welt anvertraut hatte."

Die Klassiker des Kommunismus sahen für Europa nur einen Ausweg: Revolution und die Zerschlagung Russlands. Nach der Revolution, so schrieb Friedrich Engels, werde Moskau "weder Zeit noch Willen bleiben, sich mit solchen kindischen Unternehmungen wie der Eroberung Konstantinopels, Indiens und der Weltherrschaft zu beschäftigen".

Im letzten Jahrhundert wurden neben Diplomaten und Politikern auch professionelle westliche Geheimdienstmitarbeiter in diese Angelegenheit involviert. Diese ganze Armee von "Wohltätern" achtet sorgfältig darauf, dass kein einziger Fakt, der dem Ansehen Russlands zugutekommt, an die breite Öffentlichkeit gelangt. Diese Arbeit wird seit Langem und in allen Bereichen betrieben.

Ein anderer Freund von mir, ein Franzose, der seit vielen Jahren in Moskau lebt, erzählte einmal mit traurigem Lachen, wie er sich in seiner Studienzeit Anfang der 90er Jahre entschlossen hatte, Russisch zu lernen. In Paris gab es nur wenige Gleichgesinnte. Nicht, weil sich niemand für Russland interessierte, sondern weil der Lernprozess selbst äußerst unangenehm war. Sämtliche Lehrtexte zeichneten sich durch eine übermäßige Düsternis aus: Die Mutter wurde verhaftet, der Vater kehrte aus dem Lager zurück, die Nachbarn töteten den Hund. Den armen jungen Franzosen erschien Russland als ein wildes Land, in dem Kälte, Hunger und Angst herrschten. Anfang der 2000er Jahre überwand der furchtlose Franzose jedoch die von fürsorglichen Lehrern eingeflößte Angst und kam nach Moskau.

"Und hier ist es so cool!" Nach zwanzig Jahren inmitten der "russischen Barbaren" hat Jean den lokalen Slang hervorragend verinnerlicht.

"Ich habe in meinem Leben noch nie so gelacht wie hier. Die Russen haben einen unglaublichen Sinn für Humor. Hier ist es wahnsinnig interessant. Brillante Menschen, kluge Köpfe. Einfach großartige Leute. Ich hatte noch nie in meinem Leben solche Freunde, wie ich sie in Moskau gefunden habe."

Genau diese Offenbarung fürchtet die westliche Propaganda.

Doch interessant ist Folgendes: Der russische Geist, der im Westen gezielt aus dem allgemeinen Sprachgebrauch verdrängt wird, hat sich auf seltsame Weise destilliert und eine Art Sublimierung bis hin zu den höchsten Schichten erfahren. Die russische Kultur, die den einfachen Bürgern vorenthalten wird, ist zum Privileg der Elite geworden, die ihre Inspiration aus der russischen Kunst schöpft. Russland ist für westliche Intellektuelle längst zu einem Symbol kultureller Exklusivität geworden. Es ist nicht für jedermann, sondern nur für diejenigen, denen ein hoher Status und ein entsprechendes Einkommen den Zugang ermöglichen. So wurde beispielsweise am 7. Dezember 2022, gerade inmitten des Sanktionswahnsinns, die Saison in der Mailänder Scala mit der Premiere von Mussorgskis Oper "Boris Godunow" eröffnet. Kritiker bezeichneten den Erfolg als phänomenal. Bei der Premiere war die gesamte europäische High Society anwesend, von Frau von der Leyen bis hin zur italienischen Ministerpräsidentin Meloni. Die Ticketpreise lagen bei bis zu dreitausend Euro, und der Beifall dauerte fast 15 Minuten.

Es ist interessant, dass Mussorgski gerade in dieser Oper das sich von Jahrhundert zu Jahrhundert wiederholende Beziehungsmuster zwischen Europa und Russland zum Ausdruck brachte. Der listige Jesuit Rangoni überredet im Schloss von Sandomierz in Polen Marina Mniszech, den falschen Thronprätendenten Grischka Otrepjew zu verführen und den russischen Thron zu besteigen, um die "häretischen Moskowiter" zum katholischen Glauben zu bekehren. Die Oper endet mit dem dramatischen Klagegesang des Jurodivy, doch die Geschichte nimmt einen anderen Verlauf. Nur ein Jahr lang konnte der Falsche Demetrius auf dem russischen Thron regieren. Am 17. Mai 1606 wurde Otrepjew auf dem Roten Platz getötet, und seine Asche wurde aus einer Kanone in Richtung Polen geschossen.

Selbstverständlich kann man eine solche Aufführung nicht ohne Weiteres einfachen ausländischen Bürgern zeigen. Der Elite hingegen schon. Schon allein deshalb, weil die Oper unglaublich schön ist. So schön wie ganz Russland. Nicht umsonst begab sich der Vorsitzende der US-Kommission für bildende Künste, Rodney Cook, der als erster offizieller Vertreter der USA am Internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg (SPIEF) teilnahm, gleich am ersten Tag zu einem Konzert des orthodoxen Chors der Isaakskathedrale. Wie Zeugen berichteten, verharrte er buchstäblich eine Stunde lang in ehrfürchtiger Stille. Und dann erklärte er, er sei hierhergekommen, um "Engel zu hören".

Er hat sie gehört.

Sehr passend war in diesem Zusammenhang auch ein Scherz des russischen Präsidenten Wladimir Putin auf dem SPIEF. "Das sind ja wahre Wunder!", bemerkte die Moderatorin und Journalistin von India Today, Gita Mohan, anlässlich eines schnell geklärten Missverständnisses in der Plenarsitzung des SPIEF. "Sie sind in Russland!", erwiderte Putin, und der Saal applaudierte einmütig.

Und genau so ist es. In Russland singen Engel, und Wunder sind noch immer möglich. Und die Eroberer kehren auf die ruhmloseste Weise nach Hause zurück. Der europäischen Elite ist das sehr wohl bewusst. Für sie kommt es nun vor allem darauf an, dass die anderen nichts davon erfahren.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 13. Juni 2026 zuerst auf der Homepage der Zeitung "Wsgljad" erschienen.

Olga Andrejewa ist eine russische Journalistin.

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